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Sagenhaft erzählt

Sagen gehören seit Jahrhunderten zur Kultur der Region Schladming-Dachstein. Sie erzählen von seltsamen Ereignissen, unheimlichen Gestalten, Mut, Schuld, Gerechtigkeit – und manchmal auch von grausamen Strafen. Was heute wie Fantasie klingt, hatte früher eine ganz konkrete Funktion. Zwei dieser Geschichten teilen wir heute mit dir.

© Christine Höflehner

Legendär und wertvoll

Es gab eine Zeit, da verstand man die Welt bei uns nicht mehr. Oder besser gesagt: noch nicht. Dann behalf man sich mit Sagen. Denn diese entstanden, als viele Naturphänomene nicht erklärbar waren. Lawinen, Unwetter, mysteriöse Geräusche im Wald oder besondere Felsformationen verlangten aber nach Deutung. Geschichten halfen, das Unbekannte greifbar zu machen. Gleichzeitig transportierten sie Werte und klare gesellschaftliche Regeln: Wer hochmütig war, wurde bestraft. Wer Versprechen brach, musste mit Konsequenzen rechnen. Wer respektlos mit der Natur umging, zahlte einen hohen Preis. So waren Sagen weit mehr als bloße Unterhaltung. Sie gaben Orientierung, stärkten den Zusammenhalt und vermittelten, was innerhalb einer Gemeinschaft als richtig oder falsch galt. Ihre eindrücklichen Bilder sorgten dafür, dass die Erzählungen im Gedächtnis blieben und von Generation zu Generation weitergegeben wurden. In ihnen verbinden sich Erfahrungen, Glauben, Geschichte und Fantasie. Bis heute sind diese Geschichten ein fester Bestandteil der regionalen Identität. Sie verleihen Orten nicht nur Bedeutung, sondern machen die Landschaft auf besondere Weise „lesbar“ und schaffen ein tiefes Gefühl von Zugehörigkeit. In ihnen spiegeln sich Erfahrungen, Ängste, Hoffnungen und Werte der Menschen wider, die über Generationen hinweg in mündlicher Überlieferung weitergegeben wurden. Im Anschluss werden zwei ausgewählte Sagen näher vorgestellt – die Geschichten von den „Kasermandln“ sowie vom „Grimmingtor“. Beide Erzählungen sind im Volksmund bis heute lebendig und vermitteln die enge Verbindung zwischen Natur, Geschichte und den Menschen der Region. Sie zeigen, wie Landschaft nicht nur als physischer Raum, sondern als kulturelles und emotionales Geflecht erfahren wird, in dem jede Erzählung, jedes Felsenband und jeder Berggipfel seine eigene Geschichte trägt.

Das vergessene Kind im Grimming

Der Grimming bildet das wuchtige Wahrzeichen des Mittleren Ennstals. Der mächtige Berg steigt unvermittelt aus dem Talboden um 1.700 m empor, weshalb er in früheren Jahrhunderten für höher gehalten wurde als der über der Ramsau gelegene Dachstein. Vom Tale aus ist hoch oben in einer steil abfallenden Felswand eine rundbogenartig überwölbte, torartige Vertiefung sichtbar, allgemein einfach „das Grimmingtor“ genannt.

Seine genaue Bezeichnung ist „das Steinerne Tor“. Das Grimmingtor öffnet sich nach dem Volksglauben alljährlich für kurze Zeit, wenn in Irdning die Glocken am Peterstage zusammenläuten. Eine arme Frau dachte sich: Mei, ich könnt es auch versuchen, in diesem Augenblick in den Berg zu kommen, wer weiß, was da zu gewinnen ist!" Und wirklich ging sie am Tage Peter und Paul hinauf zur Felswand, wobei sie ihr kleines Kind auf dem Arme trug. Sobald die Gloken der Irdninge Pfarrkirche zu läuten begannen, ging das Tor auf. Sogleich trat sie in das Bergesinnere und sa, dass alles voll Goldzapfen hing. Rasch setzte sie ihr Kind auf den Boden, hob ihre Schürze auf und tat so viele goldene Zapfen hinein, wie sie zu tragen vermochte. Jetzt aber fiel ihr ein, dass sie rasch wieder ins Freie müsse, weil sich das Tor ja nach dem Läuten wieder schließt. Kaum aber war sie draußen, vermisste sie ihr Kind. Doch zu spät, denn hinter ihr hatte sich die Felswand wieder zugetan. 

In ihrer Verzweiflung hatte sie keine Freude mehr an dem gewonnenen Goldschatze. Nach einigem Überlegen dachte sie: Da gibt es nichts, als zu warten, bis im nächsten Jahr das Tor wieder aufgeht, und bekümmert machte sie sich auf den Heimweg. Das Jahr dünkte ihr so lange wie keines vorher in ihrem Leben, und am nächsten Peterstage stieg sie kummervoll wieder hinauf zur Felswand. Wenn sie wenigstens das Gewand ihres Mädchens finden könnte! Sobald die Glocken zu läuten begannen, ging das Tor auf. Sie stürzte hinein, hatte kein Auge mehr für die Goldzapfen, ihr Kindlein aber saß drinnen unversehrt und sagte:" Mutter, du bist doch erst gestern dagewesen!"


Text von Leykam Buchverlagsgesellschaft m.b.H.

Blühende Iriswiese am Fuße des Grimmings in Trautenfels im Frühling | © Marlene Eggmayr

„Die Kasermandln“

Wenn die Menschen um den Dachstein spätestens zu Martini ihren Berghütten nach einem langen Sommer endgültig den Rücken zukehren, übernehmen die Kasermandln wieder die Kontrolle über die Almen. Sennerinnen trachten danach, ihre Hütten ja in Sauberkeit und Ordnung zu hinterlassen, ansonst droht Unheil. Kasermandln sind mürrisch, grantig und manchmal auch gewalttätig. Sie drohen dem Menschen, wohlweislich auf dem Weg der Tugenden zu bleiben, denn Frevel, Vergeudung und Übermut werden bitterlich bestraft. Herabfallende Felsbrocken, umgestürzte Bäume oder vom Wildwasser zerstörte Steige können die Folge sein. Kasermandln trotzen dem klirrend kalten Winter der Berge und machen es sich in den Behausungen der Menschen gemütlich. So erzählen es sich die Bauern und Senner der Region seit vielen Jahrzehnten. Dass die kleinen, geisterhaften Wesen dabei alles andere als ungebetene Gäste sind, ja man lässt sogar Nahrung und Brennholz für die faltigen Zeitgenossen zurück, hat einen ganz speziellen Grund: Nur wenn man den Kasermandln freundlich gesonnen ist, lassen sie einen den nächsten Almsommer über in Ruhe und verscheuchen nicht das wertvolle Vieh. Erst zu Georgi, am 23. April, ist es den Menschen wieder „erlaubt“, in die Höhen aufzusteigen und den Sommer gemeinsam mit dem Vieh auf der Alm zu verbringen.

Herr Albert Albrecht, 84 Jahre alt, einstiger Forstmeister und Jäger, erzählte im Oktober 2022:" A Kasmandl, des is a ganz a zerrupfter Zwerg. Der kimmt auf da Alm obm, wenn die Sennin fertig is und hoamfoahrt. Uman 10. November muaß da Bauer uma 6 bis 7 auf d’Nocht im Stall fertig sein mit der Oarbat, sonst frisst des Kasamandl den ganzen Winter beim Heu mit die Küah mit, und da Bauer hat den ganzen Winter koa Ruah im Stall, und er hot oiwai (immer) zu wenig Heu.“ 

Text von Alois Strimitzer

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Schladming Dachstein