In der Region verankert
Hans Prugger ist staatlich geprüfter Berg- und Skiführer sowie Mitglied der Bergrettung Ramsau am Dachstein. Vor allem aber ist er ein bescheidener Bergsteiger mit viel Heimatverbundenheit. Auch für andere Kletterbegeisterte schafft er starke Verbindungen: Denn er kümmert sich um die Planung, Errichtung und Wartung sämtlicher Klettersteige in der Region Schladming-Dachstein – und kennt jeden Anker im Berg. Nun haben wir bei ihm nachgebohrt, warum er so an den Bergen hängt.
Anker. Drahtseile. Und Klemmen. Schwindelerregende Höhen. Eine Bohrmaschine in der einen Hand. Die Kletterausrüstung in der anderen. „Ich liebe es, da zu arbeiten, wo keiner hinkommt“, erklärt Hans Prugger, während er seinen Helm zurechtrückt. Sein Blick richtet sich nach oben. Eine endlos scheinende Felswand erwartet ihn. Für den staatlich geprüften Berg- und Skiführer kein Problem. Viel mehr die „perfekte Motivation“, da er die Anstrengung liebt: „Und ich freue mich später über die Klettererfolge von Einheimischen und Gästen.“ Denn heute ist Hans wie so oft in der Region Schladming-Dachstein unterwegs, um Klettersteige zu warten. Er prüft, ob sich ein Anker im Felsen gelockert hat, ob Korrosion vorliegt oder beschädigte Elemente ausgetauscht werden müssen. Diese sicherheitskritische Aufgabe darf nur von professionellen Errichtern durchgeführt werden.
Klettersteige für den Alpenraum
Ein professioneller Errichter ist Hans Prugger allemal, denn er war schon beim Bau des ersten Ramsauer Klettersteigs mit der Bergrettung Ramsau sowie bei der Errichtung des Jubiläumssteigs gemeinsam mit Eduard Perhab in den Jahren 1997 und 1998 von Anfang an dabei. Hans: „Mein Schwiegervater – Norbert Schrempf – brachte den Input für einen Klettersteig in Dachsteinnähe, wobei das Echo der Bergsteiger eher negativ war. Man hatte Angst, damit Leute in die Felswand zu bringen, die von der Erfahrung her hier nichts verloren haben.“ Trotz der starken Kritik von allen Seiten baute Hans Prugger den ersten Klettersteig namens „Johann“. Nach der Eröffnung im Jahr 2000 und einer Filmreportage im bayerischen Fernsehen stieg die Bekanntheit, es gab viel Lob, und das Feedback war durchwegs positiv.
Hans Prugger durfte sämtliche Klettersteige in der Region bauen, und mittlerweile bilden sie einen großen und wichtigen Teilbereich der Region Schladming-Dachstein. „Wenn der Alpenraum nicht so gut erschlossen wäre, könnten wir ihn nicht so genießen. Klettersteige schaffen für viele Könnerklassen eine Möglichkeit, den Berg oder eben eine Wand zu besteigen und so in diesen einzigartigen Genuss zu kommen. Ich bin generell der Meinung, dass wir den Tourismus brauchen“, erklärt Prugger. Natürlich muss man irgendwo Grenzen setzen und soll nicht unnötig in die Bergwelt sowie Natur eingreifen.
Die zweimonatige Errichtung des Johann-Klettersteigs war für Hans Prugger eine große Herausforderung, in der es auch hieß, die Konzentration stets aufrechtzuerhalten – jeder Fehler kann tödlich ausgehen, und das war und ist Hans bewusst: „Bei diesen Arbeiten denke ich bei allem, was ich tue, zweimal nach und sichere mich doppelt ab. Meine Routine macht das Ganze gefährlich. Wenn ich runterschaue, sehe ich die Tiefe nicht mehr. Ich bin es gewohnt.“
Bau Klettersteig Johann
Damals hat Hans Prugger den Klettersteig Johann geplant und eingebohrt, wobei das Gelände im Winter analysiert wurde, damit die Witterung später nicht unnötig viel zerstört. Eine Linie wurde festgelegt und dabei auch die Gesteinsbeschaffenheit berücksichtigt. Das benötigte Material wurde in Flugsäcken verpackt und per Hubschrauber eingeflogen, wobei der ganze Ablauf aufgrund der hohen Kosten für die Hubschrauberstunden perfekt getaktet und geplant werden musste. Die Materialsäcke beinhalteten Stahlseile, Stifte, Trittanker, Klemmen, Kleber, Benzin und Essen für Hans. Sie hingen dann die ganze Zeit über in der Wand. Im ersten Sack befand sich ein Stromaggregat, da man schließlich keinen kompletten Klettersteig mit einem Akkubohrer errichten kann. Nun kann man sich vorstellen, wie unglaublich schwer die Säcke waren und wie anspruchsvoll das Lastenfliegen für die Piloten war. Davon abgesehen war die körperliche und geistige Anstrengung, die Hans Prugger beim Bau aufbrachte, unvorstellbar. Er fing damals von oben an und arbeitete sich quasi nach „unten“ vor. „Das war ein gutes Training. Klettersteigen ist generell das beste Training für den gesamten Körper inklusive Herz-Kreislauf-System“, fügt Hans hinzu
Ein stumpfes Geräusch ist zu hören. Gefolgt von einem Klopfen. Klirrendes Metall durchdringt die Ruhe hier am Klettersteig in der Ramsau am Dachstein. Hans ersetzt einen lose gewordenen Trittanker mit geübtem Griff und ruhiger Hand, bevor die ersten Klettersteiggeher des bevorstehenden Sommers kommen. Worauf laut ihm besonders zu achten ist: „Die größte Gefahr beim Klettersteigen sind Gewitter, man darf sie nicht unterschätzen, immerhin bietet ein Stahlseil als gut leitendes Metallobjekt dem Blitz einen Weg mit geringem Widerstand an. Zudem sollte man einen Klettersteigschein machen, um mit der notwendigen Ausrüstung vertraut zu werden und über etwaige Risiken zu lernen.“ Allen, die hochalpine Klettersteige ins Auge gefasst haben, rät der Bergführer, möglichst früh zu starten und möglichst früh zurückzukommen.
Der Bergrettungsmann weiß aus jahrelanger Erfahrung bei der Bergrettung Ramsau, dass viele Rettungsaktionen in den Klettersteigen nötig sind, da leichtsinnig den ganzen Tag geklettert wird und man von der Dunkelheit „überrascht“ wurde. So wird um eine realistische Selbsteinschätzung und gute Routenplanung ersucht. Außerdem sollte man sich auch vor Routinefehlern hüten. Letzterer wurde im Jahr 2000 selbst Hans Prugger zum Verhängnis: Er stürzte in Pürgg 80 Meter ab und musste sich ein Jahr lang von seinen schweren Verletzungen erholen. Doch Hans kämpfte sich zurück und war bald wieder über den Berg: Mit nur einem intakten Arm baute er den Kinderklettersteig am Sattelberg. Die Bewegung half ihm bei der Heilung von Körper und Geist. Heute kann er wieder alles genauso machen wie vor dem Unfall. Sogar besser. Er ist stärker als zuvor. Hans: „Beim Bergsteigen kommst du immer wieder in Situationen, in denen du merkst, du bist nicht unsterblich. Mittlerweile bin ich am glücklichsten, wenn ich wieder gesund heimkomme. Man geht auf den Berg, um zu wissen, wie schön das Heimkommen ist.“
Die Heimat ist und bleibt sein liebstes Gebiet mit dem Dachsteingipfel als Sehnsuchtsort. Auch wenn ihn Abenteuerreisen in jungen Jahren auf viele Berge dieser Welt führten – vom El Capitán und dem Yosemite Valley in den USA über nepalesische Berge bis hin zum Alpamayo in Südamerika – mittlerweile ist Hans Prugger am liebsten in den heimischen Bergen unterwegs. Was die Zukunftsaussichten hinsichtlich Klettersteige betrifft, so sind im hochalpinen Bereich aktuell keine neuen Klettersteige geplant. Nur in Talnähe ist ein Ausbau noch möglich und von einigen Seiten erwünscht. So genießt Hans Prugger seine Zeit auf dem Berg – egal ob als Berg- und Skiführer, privat oder bei der Wartung von Klettersteigen. Für ihn sind die Berge der Inbegriff von Freiheit: „Wenn ich einen Tag daheim bin, fühl ich mich nicht so wohl. Dann muss ich raus in die Berge.“
„Ich liebe es, da zu arbeiten, wo noch keiner hinkommt.“
HANS PRUGGER